Das Wasser aus dem Klo holen

Das Wasser aus dem Klo holen

Der Verein "a tip: tap" will Leitungswasser in aller Munde bringen – als Trinkwasser der Wahl. Schon vor der Pandemie hat der Verein digital gearbeitet. Trotzdem ist die Arbeit direkt vor Ort nach wie vor wichtig, auch, um Zielgruppen zu erreichen und um die Community zu stärken. Ein Interview mit Geschäftsführer Samuel Höller.

Teamfoto_Fotocredit_a%20tip%20tap%20e.V%20web Bild: Das Team von "a tip: tap", Credit: a tip tap e.V.

Digital Vereint: Der Name eures Vereins ist "a tip: tap" – auf Deutsch "Ein Tipp: Leitungswasser". Was ist eure Mission?

Samuel Höller: Ich habe den Verein vor inzwischen über zehn Jahren mitgegründet, zunächst für sechs oder sieben Jahre ehrenamtlich. Inzwischen sind wir rund 20 feste Mitarbeiter:innen, viele in Teilzeit. Unsere Idee: Den Wert von Leitungswasser ins Bewusstsein rücken, das Wasser quasi aus dem Klo rausholen. Wir wollen das Image von Leitungswasser verbessern, weil es viele Vorteile gegenüber Flaschenwasser hat. Es hilft beim Klimaschutz, indem es Emissionen und Ressourcen einspart und daneben auch Kosten. Es hat sich schon viel getan: Anfangs haben wir den Bau des 17. Berliner Trinkwasserbrunnens miterlebt, wenige Jahre später gibt es über 200. Gerade arbeiten wir daran, diese Trinkwasserbrunnen in OpenStreetMap (ein Projekt, das versucht, mit frei nutzbaren Geodaten eine freie Online-Weltkarte zu erschaffen, Anm. d. Red.) einzutragen.

Digital Vereint: Ein tolles Beispiel dafür, wie die digitale und analoge Welt sich ergänzen können. Ihr seid in beiden sehr aktiv. Wie habt ihr angefangen, euch zu digitalisieren?

Höller: Gleich von Anfang an. Unsere Homepage haben wir professionell bauen lassen und pflegen sie jetzt selbst. Unsere Anfangsfinanzierung haben wir für solche dauerhaften digitalen Ressourcen genutzt, für die wir Profis beauftragt haben und die wir im Anschluss selbst weiterführen. Unsere Präsenz in den sozialen Medien haben wir auch direkt zu Beginn unseres Vereins gestartet. Damals war vor allem Facebook groß, das hat sich inzwischen zu Twitter und Instagram verschoben. Wir nutzen daneben digitale Tools in unserer internen Kommunikation. Weil wir oft mit Infoständen und Aktionen vor Ort arbeiten, ist es wichtig für uns, Kalender zu teilen, Termine und Konferenzen online abhalten zu können und über große Distanzen in Kontakt zu bleiben. Zum Beispiel haben wir bundesweit Wasserquartiere aufgemacht, gleichzeitig auf Sylt, am Ammersee in Bayern, in Gelsenkirchen, Karlsruhe und Berlin. Solche Aktionen haben auch vor der Pandemie schon erfordert, dass wir digital zusammenarbeiten und die Entfernung so überbrücken.

Pressefoto_Samuel%20Ho%CC%88ller_Foto%20Credit_Lena%20Ganssmann%20web Bild: Geschäftsführer von "a tip: tap" Samuel Höller, Credit: Lena Ganssmann

Digital Vereint: Welche Probleme und Hürden siehst du dabei?

Höller: Kritisch bin ich gegenüber vielen Tools, was den Datenschutz angeht. Da machen wir oft Kompromisse zugunsten von leicht umzusetzenden, intuitiven Programmen, die im besten Fall für NGOs kostenlos sind. Hier fehlen uns kostenlose, leicht bedienbare Optionen, die datenschutzkonform sind. Wir haben einige Programme durchprobiert (Adobe Connect, edudip, Zoom, Google Meet), testen rum und schauen, welche Programme am besten zu unseren Bedürfnissen passen. Alles, was großen IT-Aufwand mit sich bringt, ist raus, weil wir das als kleine NGO einfach nicht bezahlen können. So ist bei der Homepage auch die Einheitlichkeit eine große Herausforderung, weil bei uns viele Menschen Inhalte einpflegen. Ein anderes Problem: Wir machen viele Kiezprojekte. Damit erreichen wir über digitale Kanäle eher wenige Interessierte, weil diese Projekte nur für die Menschen in einem sehr kleinen Umkreis relevant sind. Der Kiezansatz ist schwierig in die digitale Welt zu überführen.

Digital Vereint: Was unterscheidet eure digitale Arbeit sonst noch von der Arbeit vor Ort?

Höller: Zusammen Wasser zu trinken und dabei über Leitungswasserfakten aufgeklärt zu werden, ist einfach anders, als online etwas dazu zu lesen. Es ist haptisch, greifbar – und während der Pandemie leider auch oft schwierig. Ein digitaler Infostand hat nicht denselben Effekt, erreicht nicht dieselben Menschen wie ein analoger Infostand. Wir brauchen eine Kombination aus beidem, um unsere Message möglichst sinnvoll zu transportieren.

Digital Vereint: Und erreicht ihr online auch andere Leute als an Infoständen?

Höller: Definitiv. Online sehen unsere Inhalte eher Menschen, die sich sowieso schon mit der Thematik beschäftigen und Leitungswasser gut finden – das Problem der Filterblase. Die breite Bevölkerung lässt sich online nicht ansprechen, aber es gibt eine andere große Chance: Multiplikator:innen! Die erreichen auch Leute außerhalb unserer Blase, haben ihre eigenen Follower:innen, die sich vielleicht noch nicht so sehr mit der Nachhaltigkeit von Leitungswasser beschäftigt haben, aber durchaus überzeugen lassen. Daneben nutzen wir digitale Wege auch, um professionell Verantwortliche anzusprechen, die uns für Kurse in ihren Unternehmen buchen. Unsere Grundidee war, direkt die zu überzeugen, die Leitungswasser ablehnen. Aber das schaffen wir weder digital noch vor Ort, denn sie bleiben auch an unseren Ständen nicht stehen. Es ist vielversprechender, die Überzeugten zu animieren, unsere Message zu verbreiten. Laut Umweltbundesamt trinken Jüngere schon eher Leitungswasser als Ältere. Die erreichen wir eher analog – oder eben über Jüngere, die unsere Inhalte in sozialen Netzwerken sehen und davon erzählen.

Fotocredit_a%20tip%20tap%20e.V%20web Bild: Das flüssige Gold: Leitungswasser, Credit: a tip tap e.V.

Digital Vereint: Da greifen dann Digitalisierung und klassische Vor-Ort-Arbeit ineinander.

Höller: Genau. Echte Gespräche sind das Ziel. Sie bleiben viel mehr hängen. Soziale Medien funktionieren, aber nur im Zusammenwirken mit analoger Kommunikation. Wir brauchen Multiplikator:innen im Alltagsleben. Wenn geschätzt 40 bis 50 Millionen Leitungswassertrinker:innen in Deutschland jeweils auch nur eine Person überzeugen, Leitungswasser statt Flaschenwasser zu trinken, dann ist das ein riesiger Erfolg. Andererseits erreiche ich viel mehr Leute über digitale Angebote, als wenn ich immer einzeln hinfahren und mit ihnen reden muss. Die Kombination ist optimal.

Digital Vereint: Betreibt ihr dazu auch aktiv digitales Community-Building?

Höller: Wir sind fast ausschließlich projektfinanziert, da ist es schwierig, Ressourcen für Kommunikation freizumachen. Häufig wollen Projektfinanzierende eher Inhalte als deren Vermarktung sehen, das ist ein Problem. So erreichen wir zu wenige. Wir haben eine Strategie, aber eigentlich bräuchte es mehr, da spielt Personalmangel eine Rolle. Community-Building wäre eine wichtige Aufgabe, auch, weil es für den Algorithmus eine Rolle spielt, aber es gibt das Kapazitätsproblem und diese Arbeit ist leider sehr kleinteilig und aufwendig.

Digital Vereint: Hat die Pandemie daran nichts geändert?

Höller: Unser Lerneffekt aus der Pandemie ist definitiv: Kommunikation über unsere Produkte ist wichtig. Es lohnt sich, in deren Verbreitung und Bewerbung, z. B. auch in vernünftige Infografiken, zu investieren. Unsere Angebote sind mehr wert, wenn die Menschen sie sehen – dabei helfen digitale Medien.